VERLUSTANGST NACH DEM BUCH: „VERLUSTANGST UND WIE WIR SIE ÜBERWINDEN“, VON ULRIKE SAMMER

Die Autorin, Dr. phil. Ulrike Sammer, arbeitete bereits als klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin in Wien. Ihr Buch dreht sich, wie der Titel es vermuten lässt, um das Thema Verlustangst.

Da die Erklärungen in diesem Buch sehr umfangreich sind und mich das Thema begeistern konnte, enthält diese Rezension zusätzlichen einen Abriss zum Thema, so wie es in dem Buch beschrieben wird. Dies führt dazu, dass das Kapitel Aufbau und Inhalt etwas komprimierter ausfällt und die genaueren Erklärungen in dem daran anschließenden Abschnitt folgen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beinhaltet insgesamt vier Kapitel, die sich auf gut 190 Seiten verteilen. In den einzelnen Kapiteln befinden sich immer wieder mal umrandete Textpassagen, die diverse Infos, Tipps und Beispiele enthalten.

Die Behandlung des Themas beginnt mit einer generellen Erklärung zum Thema Ängste, woher diese kommen, welche Rolle das Umfeld dabei spielt und welchen Einfluss unsere heutige Lebensweise auf bestimmte Situationen hat und welche Bindungen zwischen Menschen allgemein bestehen.

In Kapitel II widmet sich die Autorin den Ursachen und schildert welchen Einfluss die Eltern und das Umfeld auf die Psyche des Kindes haben können und mit welchen Auswirkungen (Traumata) zu rechnen ist, wenn bestimmte Bedingungen, wie zum Beispiel zu wenig Aufmerksamkeit, erfüllt sind.

In Kapitel III werden die Folgen beschrieben, welche Verhaltensmuster unter welchen Bedingungen (z. B. Tod) auftreten können, wie Männer und Frauen ihre Verhaltensmuster ausleben und welche Gemeinsamkeiten zwischen dem Verhalten der Geschlechter vorliegen.

Das vierte und letzte Kapitel beginnt bei Seite 112, nimmt den Großteil des Ratgebers ein, und beinhaltet Informationen und Ratschläge zur Selbsthilfe von Betroffenen und Angehörigen und welche Veränderungen durch eine Therapie möglich sind.

Ein „kurzer“ Abriss zum Thema Verlustangst

Die folgenden Informationen beziehen sich lediglich auf das hier erwähnte Buch. Da ich mir nicht an jeder Stelle sicher bin den Inhalt richtig verstanden und wiedergegeben zu haben, sollten die Informationen entsprechend kritisch betrachtet und gegebenenfalls selbst überprüft werden.

Verlustangst, ist die Angst vor einem Verlust. Diese Angst kann sich auf vieles beziehen, zum Beispiel den Verlust von Personen, Gegenständen, Arbeitsplätzen oder auch Angst, seinen sozialen Status zu verlieren.

Wenn es darum geht wie ein Betroffener mit Verlustangst umgeht, kristallisieren sich zwei Extreme heraus. Zum einen das Suchen von Nähe und zum anderen das Vermeiden von Nähe.

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Ängsten spielen vor allem die Eltern und das Umfeld, wobei die Mutter traditionell den größten Bezugspunkt zum Kind darstellt. Ein Merkmal von Ängsten ist, dass diese auch über mehrer Generationen übertragen werden können.

In der heutigen Zeit ist stark zu beobachten, dass Mehrgenerationenfamilien auseinander brechen, womit der Rückhalt der Familie, aufgrund großer Entfernungen, oftmals entfällt. Durch die heutige Arbeitskultur sind Frauen zusätzlich einem besonders starken Druck durch Doppelbelastung ausgesetzt, da sie oft Erziehung und Beruf unter einen Hut bringen müssen.

Da Angst auch gelernt wird, ist es durchaus möglich, dass bereits in der Familie ängstliche und depressive Muster vorhanden sind. Bestimmte Muster werden durch einen Mangel an Kreativität im Alltag gefördert und ermöglicht -zum Beispiel wenn Tagesabläufe immer gleich gestaltet werden.

Die Entstehung von Ängsten wird unter anderem dadurch gefördert, wenn die Psyche des Kindes nicht wahrgenommen wird, weil die Eltern vielleicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder selbst depressiv sind. Als problematisch gilt es ebenfalls, wenn Gefühle nicht richtig ausgedrückt werden können, oder das Kind zu behütet aufwächst. Wird zum Beispiel das Kind von Konflikten der Eltern ferngehalten, kann dies zu einem Mangel an Bewältigungsformen führen. Es nimmt nicht am Leben teil und ist somit auch nicht richtig auf das Erwachsenenalter vorbereitet.

Traumata werden als Ursache für psychische Störungen angesehen und entwickeln sich meist diskret, wobei nicht der Verlust als Ursache für ein Traumata angesehen wird, sondern das Unvermögen damit umzugehen.

Die Symptome einer Verlustangst können sehr zeitversetzt auftreten, sogar erst nach Jahrzehnten.

Mögliche Symptome sind unter anderem:

Depression Drogen-/Alkoholmissbrauch Verdrängung von Erlebnissen Wechselhafte Gefühle wie Wut Trauer Schuld Angst Ein Verlust wird nicht immer wahrgenommen, kann aber wie eine Wunde immer wieder aufreißen, bzw. sichtbar werden. Mögliche Auslöser sind zum Beispiel Todesfälle, Trennungen, Erschöpfung, allgemeine Veränderungen. Erinnerungen lösen Emotionen aus und je dunkler eine Vergangenheit ist, desto mehr negative Emotionen werden sichtbar. Die Menschen im Umfeld der Betroffenen finden das Verhalten oftmals übertrieben und nicht nachvollziehbar.

Das, was durch das Aufbrechen von Wunden an die Oberfläche kommen kann, wird auf S. 74 des Buches,wie folgt benannt:

Seelische Schmerzen beim Aufbrechen der alten Wunden Schock Verzweiflung Ängste Depression Das Gefühl der Ungeborgenheit Einen Einbruch des Selbstvertrauens Wut Abwehr gegenüber allen Menschen Klammern Eifersucht Schwierigkeiten im Umgang mit der Umwelt Betroffene können mit diesen Symptomen unterschiedlich umgehen, sowohl auf eine hysterische (histrionische) Art und Weise, durch die sie ihr Umfeld auf sich Aufmerksam machen, oder aber auch einfach nur in sich gekehrt leidend.

Menschen mit Verlustangst kommen nie an einen Endpunkt der Verarbeitung eines Verlustes, was Überreaktionen und Schockzustände zur Folge haben kann. Dauert ein Schock länger als einen Monat an, redet man von einer posttraumatischen Belastungsreaktion. Eine vorgeschlagene Lösungsstrategie ist: Reden, sich der Wirklichkeit stellen, Gefühle ausdrücken und letztendlich Abschied nehmen.

Kommt es zu Angst und Wut, fressen diese Emotionen das Gefühl der Liebe auf. Werden Emotionen nicht ausgelebt, können sich diese gegen einen selbst richten. Wut könnte zu Angst werden und körperliche Symptome wie Herzrasen und Herzphobien auslösen.

Ein weiteres Problem ist oft mangelndes Selbstvertrauen mit ständigen Gedanken wie

„Ich bin nicht wert geliebt zu werden“ „Niemand versteht mich“ „Ich kann keinem trauen“ „Es hat alles keinen Sinn“ All diese Gedanken sind ein Ausdruck von Minderwertigkeitsgefühlen, Liebesunfähigkeit, Existenzangst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Menschen mit Verlustangst entwickeln bestimmte Strategien zur Vermeidung ihrer Ängste. Eine Möglichkeit wäre, dass ein Betroffener versucht Menschen an sich zu binden. Zum Beispiel durch Fürsorglichkeit, Mitleid erregend als kränkliche Person oder durch sexuelle Dienstbarkeit. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass die Macht zwischen den Partnern nicht gleich verteilt ist.

Durch ihr Verhalten wird das Umfeld dieser Menschen oft eingeengt, wodurch sich dieses distanziert und die Angst bestätigt wird.

Eine weitere Möglichkeit wäre nicht nur einen, sondern möglichst viele Menschen an sich zu binden – dieses bezieht den Geschlechtsverkehr mit ein. Sex wird nicht aus Lust oder verlangen gewählt, sondern als Bindungsmittel um Nähe und Partnerschaft fühlen zu können. So kann es vorkommen, dass zur Sicherheit auch mehrere Partner gewählt werden.

Das Gefühl von Abhängigkeit führt zu Demütigung und durch die Entwicklung und Anwendung von Strategien, werden Opfer zu Tätern, können dies aber nicht erkennen. Die Anwendung kann sehr extrem sein und gehen von Erpressung, über das Erzeugen von Schuldgefühlen bis hin zu Selbstmordversuchen.

Ein wichtiger Punkt, um Verlustängste zu überwinden, ist sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen und diese wahrzunehmen. Es ist wichtig, sich von alten Denkstrukturen zu befreien, neue Ziele zu setzen und die dorthin notwendigen Schritte zu definieren. Die Umsetzung der Ziele sollte dabei bewusst auf eine neue Art und Weise durchgeführt werden, da man sonst alte Verhaltensmuster weiterhin pflegen würde.

Die Verarbeitung kann mit Hilfe von Familie, Partner und Umfeld erfolgen und/oder mit psychotherapeutischer Unterstützung.

Ein weiterer Schritt ist es seine Vergangenheit anzunehmen und sich Trauern zu erlauben. Die Phasen des Trauerns werden auf Seite 121 des Buches wie folgt aufgeführt:

Die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens (Leugnung des Verlusts) Phase der aufbrechenden, chaotischen Emotionen (Gefühlsausbrüche mit wechselhaften Emotionen) Phase des Suchens und Sich-Trennens (Ansehen von Fotos, Aufsuchen von Orten, anschließend sich mit Verlust beschäftigen) Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs (Entwicklung von mehr Selbstständigkeit und neuer Lebensmuster) Die einzelnen Phasen können ineinander greifen und Rückfälle sind möglich. Durch das Zulassen von Gefühlen wird verhindert, dass sich diese in eine Depression umwandeln. Trauerbewältigung kann sowohl alleine, als auch mit Hilfe erfolgen, wobei sich nur schwer feststellen lässt, wer alleine aus dem Sog der Traurigkeit herausfinden kann und wer nicht.

Alle Bemühungen, die ein Betroffener selbst ausführt um mit seinen Belastungen fertig zu werden, werden als Coping bezeichnet. Eine Möglichkeit sich selbst mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen ist ein „Schreiben nach Buchmann“, welches auf Seite 126 ff., in einer modifzierten Form, vorgestellt wird. Diese Methode bezieht sich auf ein ungehemmtes Aufschreiben von allem was einem in den Sinn kommt – zur eigenen Vergangenheit, zu Emotionen, allen aufkommenden Gedanken, ohne Kontrolle und Rücksicht auf Rechtschreibfehler und Strukturen. Durch dieses Schreiben soll man sich innerlich öffnen.

Es wird empfohlen Freude zu finden und zu bewahren, auch aus vergangenen Erlebnissen. Man soll die eigenen Glaubenssätze erkennen und die vollständige Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens übernehmen und dabei Täter- und Opferrolle integrieren.

Stress sollte man mindern und die Gründe für den Stress erkennen. Dadurch, dass zwischen Stress und Körper ein Wechselspiel besteht, kann man Stress durch Entspannungstechniken verringern. Dazu gehören unter anderem das bewusste „Wegatmen“ von Stress und die progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

Gerät man zu sehr in Grübeleien, kann man sich durch bewusst gelenkte Aufmerksamkeit oder einen Gedankenstopp davon distanzieren. Es wird ebenso empfohlen sich gezielt Ablenkungen zu suchen, damit man den Fokus zur Angst verliert. Positive Affirmationen (innere Sätze) helfen zusätzlich.

Möchte man als Angehöriger helfen, ist die oberste Priorität sich selbst zu schützen. Ein Muss ist oftmals die eigene Konfliktfähigkeit zu erhöhen und mit eifersüchtigem Verhalten umgehen zu können. Helfen kann man zum Beispiel durch ein sogenanntes Containing, welches beinhaltet, dem Betroffenen Verständnis, Wertschätzung und Solidarität entgegen zu bringen. (Hierzu bitte selbst weiter informieren)

Für eine Therapie ist es notwendig die Kette der Angst zu durchbrechen. Bei akutem Schmerz sollte eine Krisenintervention erfolgen.

Zur Traumatherapie werden fünf Schritte genannt:

Reden Sich der Wirklichkeit stellen Gefühle ausdrücken Abschied nehmen Neuanpassung Eine Verhaltenstherapie kann durch unterschiedliche Methoden durchgeführt werden, wobei die Therapie (so wie ich es verstanden habe) im Kern eine Überprüfung und Veränderung unhaltbarer Überzeugungen und Verhaltensmuster, sowie das Differenzieren von Gefühlen beinhaltet.

Um seinem Leben letztendlich eine neue Richtung geben zu können, wird empfohlen seinem Leben ein ganz neues Motto zu geben und sich eine neue Identität zu schaffen. Diese neue Identität sollte Unabhängigkeit und Autonomität entwickeln, sich vielfältig vernetzen, sich selbst erfahren und den eigenen Selbstwert aufbauen.

Man sollte …

für sich Interessen finden (zum Beispiel durch dem Folgen von Impulsen), gut zu sich selbst sein (Selbstliebe lernen) Gedanken auf positive Dinge ausrichten authentisch sein Aktivitäten (Hobbies) ausüben Es wird ebenfalls darauf hingewiesen, dass man durchaus selbstkritisch sein, sich aber keineswegs selbst verurteilen sollte. Ebenso wird angeraten eine Art Beziehungsinventur durchzuführen und die Kontakte zu überdenken, die einem eher die eigene Energie rauben als hilfreich sind.

Meine Meinung

Das Buch war angenehm zu lesen und enthielt sehr viele Informationen. Die Einbettung von Tipps und Beispielen in einem Rahmen, integrierte sich gut in den Text und führte nicht, wie es leider in vielen Büchern der Fall ist, zu einer Unterbrechung des Leseflusses.

Art und Weise, wie die Kapitel aneinandergereiht wurden, trugen gut zum Verständnis des Themas bei. Es wurde mit den Grundlagen begonnen und die Informationen bauten nach und nach aufeinander auf. Theoretische Ausführungen und praktische Beispiele befinden sich, meiner Meinung nach, in einem ausgewogenen und gut gewähltem Verhältnis.

Was mir persönlich zu kurz kam, waren im Bereich der Selbsthilfe die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Stattdessen wurde mir zu oft nur von Therapie gesprochen, ohne genau darauf einzugehen.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen und wenn sich jemand näher mit Verlustangst beschäftigen möchte, dem kann ich den Kauf des Buches auf jeden Fall empfehlen.

Weitere Informationen

Titel: Verlustangst und wie wir sie überwinden Autor: Ulrike Sammer Herausgeber: Klett-Cotta ISBN: 978-3-608-86034-4 Preis: 18,95 € Homepage: Buchvorstellung beim Klett-Cotta Verlag Sonstige Informationen: 192 Seiten, 6. Aufl. 2014

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